Stephan Schmidt - April 8, 2026
Die Zukunft des Juniors
TL;DR: Unternehmen stellen weniger Juniors ein, weil KI die einfachen Aufgaben übernimmt und Seniors KI-Output besser beurteilen können. Aber wenn niemand Juniors einstellt, woher kommen in zehn Jahren die Seniors? Der Junior der Zukunft wird kein Senior Typescript-Entwickler, sondern ein Senior Produkt-Engineer -- jemand der KI orchestriert, Ergebnisse beurteilt und versteht was gebaut werden soll. Wer heute aufhört Juniors einzustellen, kannibalisiert seine eigene Zukunft.
Was wird aus Juniors?
Unternehmen stellen weniger Juniors ein. Eine Harvard-Studie mit 62 Millionen Arbeitnehmern zeigt: Wenn Firmen KI einsetzen, sinken Junior-Einstellungen um 8 bis 10 Prozent.1 Einstellungen von Seniors bleiben gleich. Ein Ravio Report zeigt es noch deutlicher: Stellenanzeigen für Entry-Level-Positionen stiegen um 47 Prozent. Tatsächliche Einstellungen auf diesen Levels fielen um 73 Prozent.2 Die Firmen schreiben Junior aus und besetzen leise mit Senior.
Auf den ersten Blick ergibt das Sinn. Für KI scheint der Senior besser geeignet. KI-generierten Code managen braucht Engineering-Wissen zu Architektur, Wartbarkeit, Security. Eine Fastly-Umfrage unter 791 US-Entwicklern bestätigt das: 32 Prozent der Seniors sagen, über die Hälfte ihres Codes sei KI-generiert.3 Bei Juniors sagen das nur 13 Prozent. Seniors erkennen Fehler schneller, können KI-Output einordnen. Der Unterschied zwischen Code der richtig aussieht und Code der richtig ist – dafür braucht man Erfahrung.
Also weniger Juniors, mehr Seniors, Problem gelöst?
Nein. Es gibt drei Probleme.
Programmieren lernt man durch Programmieren. Wie Radfahren. Man kann es nicht aus einem Buch lernen, man kann sich kein YouTube-Video anschauen und dann losfahren. Ich sehe das auch beim Kochen. Man kann hundert Rezepte lesen, aber wer nie eine Sauce hat anbrennen lassen, kann keine Hitze einschätzen. Man muss hinfallen, aufstehen, nochmal hinfallen.
Als ich Ende der 80er anfing, habe ich Z80 Assembler auf einem Schneider CPC geschrieben. Ich habe Stunden damit verbracht, Bugs zu suchen, die sich als ein falsches Register herausstellten. Ich habe Dinge gebaut die nicht funktionierten und nicht verstanden warum. Ich habe Architekturentscheidungen getroffen die ich drei Monate später bereut habe. Nichts davon war effizient, aber alles davon war notwendig.
Was mich zum Senior gemacht hat, war nicht Syntax. Ich habe gelernt wie Systeme zusammenhängen, welche Entscheidungen sich rächen und warum manche Abstraktionen nach drei Monaten auseinanderfallen. Debugging war der eigentliche Lehrmeister – wer nie stundenlang einen Bug gesucht hat, versteht nie wie Software wirklich funktioniert.
Wenn heute die KI den Code schreibt, fehlt dieser Lernpfad. Der Junior akzeptiert was die KI ausspuckt, weil er nicht beurteilen kann ob es gut ist. Andrej Karpathy nennt das “Vibe Coding”4 – du vibest mit der KI, der Code funktioniert irgendwie, aber der Junior kann nicht erklären warum er so funktioniert und nicht anders.
Jetzt wird es logisch unangenehm. Wenn der Junior mit KI nicht mehr lernt, warum sollte ich ihn einstellen? Wozu brauche ich den? Der Senior ist produktiver, die KI macht die einfachen Sachen, der Junior ist überflüssig.
Wenn aber niemand Junioren einstellt - wo kommen in zehn Jahren die Seniors her?
Seniors verlassen ständig die Codebasis. Sie werden Engineering Manager, VP, wechseln in andere Startups oder gehen in die Beratung. Die Pipeline muss nachgefüllt werden, sonst ist sie irgendwann leer.
Und es kommt noch eine Ebene dazu. Ich glaube dass bald niemand mehr Code liest. KI schreibt den Code, KI reviewed den Code, KI fixt den Code. Was Seniors heute können - Code lesen, Architektur beurteilen, einen Stacktrace interpretieren – wird weniger wichtig. Aber was dann wichtig wird, ist: verstehen was gebaut werden soll und ob das Ergebnis das Problem löst. Produktverständnis. Und das muss jemand lernen, irgendwo, irgendwann.
Die Firma die heute keine Juniors einstellt, frisst ihre eigene Zukunft auf.
Ich finde Junioren wichtig. Wichtiger als vorher sogar.
Aber – und das ist der entscheidende Punkt – der Junior wird kein Senior Typescript-Entwickler. Der Junior wird ein Senior Produkt-Engineer. Jemand der versteht was gebaut werden muss, warum, und ob das Ergebnis stimmt. Jemand der KI orchestriert statt Code zu tippen.
Ich nehme nehme immer noch hin und wieder Vim – manche Reflexe sitzen tief. Und weil der Junior weniger zu verlieren hat, ist er viel enthusiastischer in der Adaption von KI. Ich sehe das bei meinen Coachees. Die jüngeren Entwickler experimentieren, probieren neue Tools, bauen Workflows mit KI die ich mir nicht ausgedacht hätte. Die Älteren klammern an ihre Vim-Configs und beschweren sich dass die KI ihren Code-Stil nicht trifft.
Das hat eine Logik. Der Senior hat 15 Jahre Muscle Memory für manuelles Coding aufgebaut. Jede neue KI-Interaktion konkurriert mit einem eingeübten Reflex. Der Junior hat keinen Reflex. Für ihn ist KI nicht ein neues Tool, sondern das Tool. Er kennt nichts anderes.
Der Junior der heute KI-nativ arbeitet, wird in fünf Jahren Dinge können die aktuelle Seniors nicht verstehen. Weil er nie anders gearbeitet hat.
Code Review war schon immer die unterschätzteste Fähigkeit in der Softwareentwicklung. Jetzt wird sie mit KI Unterstützung zu einer Kernkompetenz. Die alte Junior-Ausbildung war: Hier ist ein Ticket, schreib den Code. Die neue muss sein: Hier ist KI-generierter Code, finde die Fehler.
Ich nenne das Forensic Coding. Der Junior als Auditor, nicht als Schreiber. Das klingt nach weniger, ist aber eine echte Fähigkeit die man trainieren kann und die schwer zu ersetzen ist. KI-generierten Code auf Korrektheit, Wartbarkeit und Security prüfen ist anspruchsvoller als den Code selbst zu schreiben.
Also: Juniors einstellen. Aber anders ausbilden. Nicht Code schreiben beibringen, sondern KI managen, KI Entscheidungen hinterfragen, Systeme beurteilen. Und das Wichtigste: Produkt verstehen. Wissen was gebaut werden soll und warum. Das ist die Fähigkeit die KI nicht hat und in absehbarer Zukunft nicht haben wird.
Wer heute aufhört Juniors einzustellen, spart kurzfristig Geld und kannibalisiert langfristig seine Organisation. Die Frage ist nicht ob wir noch Juniors brauchen. Die Frage ist was für Juniors wir brauchen.
Ozge Demirci, Jonas Hannane, Avi Goldfarb, Generative AI and Labor Market Outcomes (2025). Die Studie analysiert Hiring-Daten von 62 Millionen US-Arbeitnehmern und zeigt einen deutlichen Rückgang bei Entry-Level-Einstellungen nach KI-Adoption. ↩︎
Ravio, The State of Tech Hiring Report (2025). Die Diskrepanz zwischen ausgeschriebenen und tatsächlich besetzten Junior-Stellen ist besonders auffällig – die Firmen scheinen Junior-Stellen als Backup auszuschreiben und dann doch Senior einzustellen. ↩︎
Fastly, Developer Survey 2025. Die Umfrage zeigt dass Seniors KI deutlich häufiger produktiv einsetzen als Juniors – was die Versuchung verstärkt, nur noch Seniors einzustellen. ↩︎
Andrej Karpathy prägte den Begriff “Vibe Coding” Anfang 2025. Er beschreibt damit einen Arbeitsstil bei dem der Entwickler die KI-Ausgabe akzeptiert ohne sie wirklich zu verstehen – es fühlt sich richtig an, aber niemand kann erklären warum. ↩︎
About me: Hey, I'm Stephan, I help CTOs with Coaching, with 40+ years of software development and 25+ years of engineering management experience. I've coached and mentored 80+ CTOs and founders. I've founded 3 startups. 1 nice exit. I help CTOs and engineering leaders grow, scale their teams, gain clarity, lead with confidence and navigate the challenges of fast-growing companies.